Binge-Eating-Störung ("Essstörung mit Essattacken")
Der aus dem Amerikanischen stammende Begriff "to binge" kann übersetzt werden mit "schlingen", "in sich hineinsaugen" oder "ein Fressgelage abhalten". Eine offizielle deutsche Übersetzung existiert derzeit noch nicht. Das wesentliche Kennzeichen der Binge-Eating-Störung ist das wiederholte Auftreten von Heißhungerattacken bzw. "Essanfällen" ohne regelmäßig angewandte Maßnahmen zur Gewichtsreduktion. Demzufolge leiden die Betroffenen häufig auch an Übergewicht (BMI = 25 - 30) oder Adipositas (BMI > 30), so dass nicht selten auch aus medizinischen Gründen eine Behandlung notwendig ist.
- Woran lässt sich eine Binge-Eating-Störung erkennen?
- Welche körperlichen Folgen und Komplikationen kann die Binge-Eating-Störung nach sich ziehen?
- Häufigkeit und Verbreitung der Binge-Eating-Störung (Epidemiologie)
- Was sind mögliche Ursachen und Hintergründe der Erkrankung?
- Wie lässt sich eine Binge-Eating-Störung wirksam behandeln?
Woran lässt sich eine Binge-Eating-Störung erkennen?
Wesentliches Kennzeichen ist ein Essverhalten, das durch häufige Kontrollverluste beim Essen (Heißhungeranfälle) geprägt ist. Im Unterschied zur Bulimia nervosa fehlen regelmäßige, einer Gewichtszunahme direkt gegensteuernde Maßnahmen.
- Ein Essanfall zeichnet sich dadurch aus, dass in einem relativ kurzem Zeitraum eine Nahrungsmenge gegessen wird, die wesentlich über dem liegt, was die meisten Menschen in diesem Zeitraum essen würden und
- dass es während des Essens zu einem Kontrollverlust kommt; dies bedeutet, dass der oder die Betroffene nicht mehr aufhören kann zu essen und nicht mehr steuern kann, was und wieviel er/sie davon verschlingt.
- Im Vergleich zur Bulimie ist die Häufigkeit von Essanfällen etwas geringer, und die Fressanfälle dauern in der Regel etwas länger, haben ein weniger klaren Anfang und ein nicht ganz so klar definiertes Ende (was bei der Bulimie meist mit dem anschließenden Erbrechen gegeben ist). Dennoch sind die einzelnen Episoden abgrenzbar.
Die Binge-Eating-Störung gilt als Untergruppe der unspezifischen Essstörungen, die als eigenständiges Krankheitsbild in den internationalen Klassifikationen noch nicht besteht und einer weiteren wissenschaftlichen Klärung bedarf. Die nachfolgenden Kriterien entsprechen den Forschungskriterien des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen, DSM-IV, American Psychiatric Association (APA) 1994:
- Die episodischen Essanfälle mit Kontrollverlust treten an mindestens zwei Tagen pro Woche über einen Mindestzeitraum von 6 Monaten auf.
- Obwohl der oder die Betroffene keinen wirklichen Hunger verspürt, isst er/sie - meist wesentlich schneller als normal - bis zu einem unangenehmen Völlegefühl.
- Es besteht ein deutlicher Leidensdruck mit Deprimiertheit, Ekel- oder Schuldgefühl und Selbstvorwürfen nach einem Essanfall; das Essen findet meist allein statt, aus Verlegenheit über die große Nahrungsmenge.
- Auf die Essattacken folgen keine gegenregulatorischen Maßnahmen wie Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch, so dass eine Gewichtszunahme in der Regel unausweichlich ist. Daher sind Menschen mit dieser Essstörung meist übergewichtig oder adipös.
Menschen mit Binge-Eating-Störung haben zu einem hohen Anteil zusätzliche psychische Erkrankungen, speziell Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen (insbesondere vom emotional-instabilen "Borderline"-Typus und vermeidende Persönlichkeitsstörung, Yanowski 1993, Mitchell 1995).
Welche körperlichen Folgen und Komplikationen kann die Binge-Eating-Störung nach sich ziehen?
Die körperlichen Schäden und Langzeitfolgen ergeben sich zumeist aufgrund des bestehenden, mehr oder weniger stark ausgeprägten Übergewichts bzw. der Adipositas, d. h. es drohen sämtliche Varianten der ernährungsbedingten "modernen Zivilisationskrankheiten": metabolisches Syndrom, Fettstoffwechselerkrankungen, Diabetes mellitus Typ II, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Erkrankungen des Stütz- und Halteapparates etc.
Häufigkeit und Verbreitung der Binge-Eating-Störung (Epidemiologie)
Im Vergleich zu Anorexie und Bulimie liegt der Anteil des männlichen Geschlechts bei Binge-Eating-Störung deutlich höher, er wird auf 1/3 der Betroffenen geschätzt. Auch die Altersverteilung ist breiter gestreut als bei den anderen genannten Essstörungen, Angehörige aller Altersgruppen können an der Binge-Eating-Störung leiden. Das Ersterkrankungsalter ist meist höher als bei Anorexie/Bulimie; im Vergleich zur "einfachen Adipositas" liegt der Erkrankungsbeginn jedoch früher (Yanowski 1993). Nach Angaben des Bundesgesundheitsamtes von 1994 ist in Deutschland annähernd jeder fünfte von Adipositas betroffen, und die Zahl der Übergewichtigen und adipösen Menschen nimmt in den westlichen Industrienationen weiterhin stetig zu. Es sollte unterschieden werden zwischen "einfacher Adipositas" und Binge-Eating-Störung, wobei logischer Weise der Anteil der an Binge-Eating Erkrankten in der Gruppe der Übergewichtigen deutlich über dem bei Normalgewichtigen liegt: Eine in den USA durchgeführte Untersuchung ergab eine Häufigkeit von Binge-Eating-Verhalten von ca. 2 % in der Normalbevölkerung, während bei adipösen Menschen schon 4 - 9 % und in Therapiegruppen, die eine Gewichtsreduktion zum Ziel hatten, etwa 30 % der Teilnehmer von einer zusätzlichen Binge-Eating-Störung betroffen waren (Fairburn 1993).
Was sind mögliche Ursachen und Hintergründe der Erkrankung?
Auf die Risikofaktoren für Essstörungen allgemein (Schlankheitsideal, Diätverhalten) und Essanfälle im besonderen (Teufelskreis Fasten - Essanfall - erneutes Fasten) wurde bereits in den Kapiteln zur Anorexie und Bulimie hingewiesen (siehe dort). Ein Großteil der Patienten mit Binge-Eating-Störung haben jedoch zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Diätversuche oder Nahrungsrestriktion praktiziert (Spurrell 1997, Marcus 1993).
- Dem gegenüber kommt ausgeprägten Selbstwertkonflikten und eine stärkere Neigung zu Depressionen häufig auch bei Entstehung und Aufrechterhaltung der Binge-Eating-Störung eine entscheidene Rolle zu.
Spezifische Konflikte oder eine spezifische Persönlichkeit, die einer Binge-Eating-Störung zugrunde liegt, konnten bislang nicht identifiziert werden. Viele übergewichtige Menschen berichten jedoch, dass sie mehr oder zuviel essen, wenn sie Kummer haben oder einsam sind.
- Essen kann somit als Ersatzbefriedigung für andere, unerfüllte Bedürfnisse dienen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Menschen unter starker emotionaler Belastung bisweilen nicht dazu in der Lage sind, Hunger von anderen "Unlustgefühlen" oder Zuständen des Unbehagens zu unterscheiden.
- Essattacken können eine Funktionalität im Sinne einer Spannungsreduktion erlangen, wenn Kummer, Sorgen und andere negative Affekte durch Fressanfälle zeitweilig unterdrückt und Stresssituationen besser bewältigt werden.
- Auch für die Binge-Eating-Störung gilt, dass das Risiko bei einem negativen, feindselig-kontrollierenden oder vernachlässigenden Familienklima erhöht ist.